1.3 Zur Literaturlage

1.3.1 Hypertext

Nach allgemeiner Meinung begründete Vannevar Bush mit seinem 1945 veröffentlichten Artikel "As we may think" (Bush 1945) seine Position als "Vater des HypertextKonzepts"(Gerdes 1997 S. 1). Bush entwirft hier ein futuristische System namens "memex", mit dem Information in der Form gespeichert werden kann, wie es heute auch für Hypertexte üblich ist:

"Consider a future device for individual use, which is a sort of mechanized private file and library. It needs a name, and, to coin one at random, 'memex' will do. A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory. [...] Thereafter, at any time, when one of these items is in view, the other can be instantly recalled merely by tapping a button below the corresponding code space. Moreover, when numerous items have been thus joined together to form a trail, they can be reviewed in turn, rapidly or slowly, by deflecting a lever like that used for turning the pages of a book. It is exactly as though the physical items had been gathered together from widely separated sources and bound together to form a new book. It is more than this, for any item can be joined into numerous trails." (Bush 1945 S. 107f.)

Die Idee der Memex ist also, daß atomare Informationseinheiten separat gespeichert werden. Da diese zumeist für mehrere Kontexte relevant sind, können sie stets in neuen Kombinationen zusammengefügt werden. Den dadurch entstehenden Wissenspfad bezeichnet Bush als "new book". Die Bedeutung dieses Grundsatzartikels arbeiteten Nyce und Kahn in einem von ihnen herausgegebenen Sammelband heraus (Nyce u. Kahn 1991).(1) Der Begriff Hypertext als solcher ist auf eine Prägung von Theodor Nelson aus dem Jahr 1965 zurückzuführen , der später mit "Dream Machines: new freedoms through computer screens A minority Report" (Nelson 1974) die Hypertextidee politisierte:

"Nelson vertrat (und vertritt) die Auffassung, daß alle Informationsquellen in einer demokratischen Informationsgesellschaft frei zugänglich sein sollten. Er meinte, daß ein freier Zugang dann am besten gesichert sei, wenn alle Dokumente in einer Art gigantischem Hypertext miteinander verknüpft seien." (Hasebrook 1995 S. 169)

Die erste elektronische Realisierung des HypertextKonzepts gelang Douglas C. Engelbart, deren Grundlagen er in seinen Publikationen beschreibt (Engelbart 1963 u. 1968)(2). Ab 1987 war Hypertext Gegenstand zahlreicher Fachkonferenzen, deren Berichte (3) zum Teil veröffentlicht wurden.

Seit dem Erfolg des World Wide Web ist die Sekundärliteratur zum Thema unüberschaubar geworden. Einen Überblick über die Forschung bis 1990 gibt die kommentierte Bibliographie von Atkinson und Knee (Atkinson 1990). Die historische Entwicklung beschreiben Berk und Devlin (Berk 1991). Einen geschichtlichen Abriß, der das WWW einschließt, gibt Lennon (Lennon 1997). Grob kann man eine Dreigliederung der vorhandenen Literatur vornehmen:

(1) Die meisten Untersuchungen zum Thema stammen aus dem Gebiet der Informatik. Als deutschsprachiges Standardwerk auf diesem Gebiet gilt der Titel Hypertext Ein nichtlineares Medium zwischen Buch und Wissensbank von Rainer Kuhlen (Kuhlen 1991). Kuhlen beschäftigt sich neben Fragestellungen der Informationswissenschaften auch am Rande mit textlinguistischen Problemen wie der Kohärenz von Teiltexten. Das Buch von Schnupp dagegen befaßt sich besonders ausführlich mit der technischen Implementierung von Hypertexten (Schnupp 1992). In weiteren Titeln der Informatik (4) geht es hauptsächlich um die Verbindung der HypertextIdee mit Konzepten der Künstlichen Intelligenz, der Wissensrepräsentation sowie der Informationsbeschaffung.

(2) Ferner existieren einige Arbeiten aus der Psychologie, die kognitionswissenschaftliche und didaktischpädagogische Fragen an die neue Technologie stellen. Hierbei soll hauptsächlich das Vorhandensein eines potentiellen Mehrwertes von Hypertext als Lernmedium untersucht werden. Ansel Suter dokumentiert den Versuch, Kenntnisse der englischen Sprachwissenschaft mittels eines Hypertextes zu vermitteln (Ansel Suter 1995). Heike Gerdes faßt den Forschungsstand psychologischpädagogischer Disziplinen zusammen, zitiert die Ergebnisse der wichtigsten Fallstudien und kommt aufgrund eigener Experimente zu einer kritischen Einschätzung des sogenannten kognitiven Mehrwerts von Hypertexten (Gerdes 1997). Mit allgemeinen, erziehungswissenschaftlich relevanten Fragen des Informationsproblems in elektronischen Datennetzen aller Art beschäftigt sich Astleitner (Astleitner 1996)(5).

(3) Auch die Literaturtheorie hat sich des Themas angenommen. Offen ist hierbei vor allem das veränderte Verhältnis AutorLeser, da jeder Benutzer eines Hypertextes einen eigenen "Lesepfad" durch das Werk wählen kann. Hypertext wird hier als neue Kulturtechnik verstanden und als solche analysiert. Bolter untersucht die Auswirkungen des Computers als "writing space" und geht dabei besonders auf die nichtlineare Repräsentationsform von Wissen in Hypermedien ein (Bolter 1991). Landow untersucht den Bezug zwischen hypertextuellen Schreib und Denkarten und der Kritischen Theorie (Landow 1992 u. 1994), während Gaggi 1997 eine Dezentralisierung des Subjekts durch die bzw. innerhalb der neuen Medien sieht und gleichzeitig Nelsons' Vision eines alle Texte umfassenden Hypertextes neu belebt(6).

Neben den Printmedien existiert noch eine stetig wachsende Anzahl elektronischer Dokumente zum Thema im WWW. Folgende Liste zeigt die wichtigsten Dokumente auf.

1.3.2 Textlinguistik

Als allgemeine linguistische Nachschlagewerke dienen Bußmann 1990, Eisenberg 1994 und Engel 1996.

Eine erste Annäherung sowie einen Einblick in die Geschichte der Textlinguistik bringt der von Wolfgang Dressler herausgegebene Sammelband "Textlinguistik" (Dressler 1978). Grundlegende textlinguistische Gesamtdarstellung für diese Arbeit ist Brinker 1997. Neben weiteren spezifischen Darstellungen sind für unsere Belange besonders Spezialuntersuchungen interessant, die das Vorkommen von Texten in technischen Distributionen untersuchen (Ott 1996, Labarta Postigo 1997). Desweiteren sind Untersuchungen bzw. Darstellungen wertvoll, die sich mit den Bereichen Thematische Strukturen (van Dijk 1980 a u. b) und Textgrenzen (Linke u.a. 1991) beschäftigen.

Auch in der oben vorgestellten Sekundärliteratur zu Hypertext finden sich sporadische Versuche, einen linguistischen Textbegriff als Untersuchungsinstrument zu definieren.

1.3.3 (Text)Linguistik und Hypertext

Einen ersten systematischen Beitrag der Germanistischen Linguistik zum Thema "Die Sprache der InternetKommunikation" liefert die gleichnamige Arbeit von Stefan Rabanus (Rabanus 1996). Er untersucht die Anwendungsformen computervermittelter Kommunikation wie zum Beispiel Computerkonferenz, Elektronische Briefe, Mailing Lists oder Elektronische Diskussionsforen. Sein Hauptaugenmerk liegt auf dem Vorhandensein "konzeptioneller Mündlichkeit in der Schriftlichkeit" der Internetkommunikation. Hier wird also hauptsächlich Dialog und nicht Textanalyse betrieben.

Ebenfalls mit den Besonderheiten von Sprache im Internet sowie den Eigenschaften schriftlicher Texte in multimedialen Kontexten beschäftigt sich Schmitz (Schmitz o.J. a u. b). Eine explizit linguistisch ausgerichtete Hypertextanalyse läßt sich bei Freisler (Freisler 1993, 1994 u. 1995) und Ehlers/Preu 1998 finden.


(1) vgl. Kuhlen 1991 S. 38 Fußnote 38, Nielsen 1990 S. 33 u. Hasebrook 1995 S. 169; Nelson selbst bestätigt, daß die Begriffe Hypertext und Hy-permedia von ihm stammen (vgl. hierzu den offiziellen Newsletter von Nel-son im Internet unter der Adresse http://www.picosof.com/993); vgl. auch Kapitel Herkunft des Terminus' Hypertext

(2) Diese elektronische Realisierung war für die Hypertext-Idee als solche so prägend, daß die meisten heutigen Definitionen das elektronische Medium als notwendige Bedin-gung für Hypertext ansehen.

(3) vgl. ACM Hypertext 1987/89, 1989, u. 1996; Gloor 1990, Rizk 1992, Bürsner 1995

(4) z.B.: Sarre1991, Brown 1991, Cordes u. Streitz 1992, Neubert 1994, Agosti 1996, Haake 1997 und Riggert 1998

(5) Weitere psychologisch bzw. erziehungswissenschaftlich motivierte Ar-beiten sind die Untersuchungen von Ambron 1988, Marchioni1988, Jonassen 1990, Nix 1990, Retterer 1991, Fickert 1992, Hammwöhner 1993, McKnight 1993, Tergan 1993 u. 1995, Hase-brook 1994 u. 1995, Meyerhoff 1994, Glowalla 1995, Rada 1995 sowie Rouet 1996.

(6) Weitere Titel aus der Literaturtheorie sind: Doland 1988, Bolter 1989 u. 1991 Moulthrop 1991, Andersen 1992, Idensen1993, Ramm 1994, Freitag u. Keller 1997, Wägenbaur 1997, Bruckmoser 1997 und Roth 1998